Angesiedelt in einer nahen Zukunftsdystopie, geprägt von Hyperkapitalismus, Automatisierung und der Konzentration von Macht, entwirft NO FIXED ADDRESS (NFA) eine Welt, in der menschliches Leben darauf ausgerichtet ist, Systeme aufrechtzuerhalten, die ihm längst nicht mehr dienen. Gemeinschaft ist nur noch Infrastruktur. Arbeit ist Zwang. Präsenz wird nur geduldet, solange sie performt.

Fünf Performer*innen bewohnen eine rigide, überwachte Ordnung, hyper-sichtbar und doch ungesehen. Die Arbeit reproduziert keine Bilder von Obdachlosigkeit oder Krieg; sondern abstrahiert deren psychologische Nachwirkungen.

Im Kern untersucht NFA, was geschieht, wenn Anerkennung systematisch entzogen wird. Wenn Gleichgültigkeit strukturell wird. Das Stück erforscht die Erosion von Beziehungen und die Auflösung der onkologischen Verankerung, die langsame Destabilisierung des Selbst, die aus anhaltender sozialer Ausgrenzung entstehen kann. Wiederholt unsichtbar gemacht zu werden ist nicht neutral. Es zerrüttet die Wahrnehmung. Es verändert die Grundbedingungen der Existenz.

Verwurzelt in persönlichen Erfahrungen von Wohnungsunsicherheit und entwickelt durch eine forschungsbasierte Zusammenarbeit mit marginalisierten Communities in Berlin, versteht das Projekt Ausgrenzung als verkörpertes Wissen. NFA fungiert als Warnung: Wenn wir weiterhin Isolation über Solidarität, Effizienz über Fürsorge und technologische Entwicklung über kollektive Verantwortung stellen, welche Arten zu Leben sind dann noch möglich?

Der Theaterraum wird zu einem immersiven sensorischen Feld. Temperaturveränderungen, räumlicher Klang, dichte Bassfrequenzen und skulpturale Interventionen verschieben die Wahrnehmung. In enger Zusammenarbeit mit der Sound- und Multimedia-Künstlerin Daria Redkina entsteht eine elektronische Klangarchitektur, die das Publikum umgibt, physisch präsent, destabilisierend und unausweichlich. Skulpturale Installationen von Natalia Michailidou - rekonstruierte, zerschnittene, neu verschweißte und umgeformte Einkaufswagen - fungieren als Überlebensstrukturen und fragile häusliche Illusionen innerhalb einer kontrollierten Umgebung.

NFA hebt die Distanz zwischen Beobachter*in und System auf. Gleichgültigkeit kann einen Menschen genauso auflösen, wie Aufmerksamkeit den Raum zwischen uns neu formen kann. Diese Zukunft ist möglich. Erproben wir sie schon?

Dauer: 50 Minuten

ENGLISCH:
Set in a near-future dystopia shaped by hyper-capitalism, automation, and the consolidation of power, NFA imagines a world where human life is organized around maintaining systems that no longer serve it. Community has eroded into infrastructure. Labor is compulsory. Presence is tolerated only as long as it functions.

Five performers inhabit a rigid, surveilled order, hyper-visible yet unseen. Instead of reproducing images of homelessness or war, the work abstracts their psychological aftermath. Discipline fractures. Synchronization destabilizes. What remains when relational bonds collapse?

At its core, NFA examines what happens when recognition is systematically withdrawn. When indifference becomes structural. The piece explores the erosion of relational bonds and the dissolution of ontological grounding; the slow destabilization of self that can emerge from prolonged social abandonment. To be repeatedly unseen is not neutral. It fractures perception. It alters the basic conditions of being.

Rooted in lived experience of housing precarity and developed through research-based collaboration with marginalized communities in Berlin, the project approaches exclusion as embodied knowledge. NFA functions as a cautionary tale: if we continue to privilege isolation over solidarity, efficiency over care, and technological expansion over collective responsibility, what forms of life remain possible?

The theatre space becomes an immersive sensory field. Temperature shifts, spatial sound, dense sub-frequencies, and sculptural interventions reshape perception. In close collaboration with sound and multimedia artist Daria Redkina, an electronic sonic architecture surrounds the audience, physically present, destabilizing, inescapable. Sculptural installations by Natalia Michailidou, reconstructed shopping carts cut, re-soldered, and reconfigured, operate as survival structures and fragile domestic illusions within a controlled environment.

NFA collapses the distance between observer and system. Indifference can dissolve a person just as much as attention can reconstitute the space between us. This future is possible. Are we already rehearsing it?

Duration: 50 minutes

Regie, Konzept, Dramaturgie, Choreografie: Natalia Maria Michailidou
Musik: Daria Redkina
Bühnenbild: Natalia Maria Michailidou
Lichtdesign: Folgt
Tanz / Performance: Luna Di Gregorio Datamis Esfahani Katerina Markoulidaki Georgina Merkou Adiopi Stamopoulou

Eventdaten bereitgestellt von: Reservix

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