Freitag, 04.12.2020
um 19:30 Uhr

Literaturhaus Stuttgart
Breitscheidstr. 4
70174 Stuttgart



Moderation: Torsten Hoffmann

Bereits im Frühjahr hätte er ins Literaturhaus kommen sollen, frisch gekürt mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2020, doch fiel die Lesung mitten in den Lockdown. Nun setzen wir den „Stern 111“ im Dezember an den Literaturhimmel und bereiten Lutz Seiler die Bühne für seinen fulminanten Roman über Carl Bischoff und seine Eltern, die zwei Tage nach dem Fall der Mauer ihr altes Leben verlassen, gen Westen aufbrechen, und dem Sohn, einem jungen Studenten, Haus und Heim überantworten. Ihre Reise führt die beiden Fünfzigjährigen über Notaufnahmelager und Durchgangswohnheime, geleitet und geführt von einem alten Traum, der stillschweigend über den drei Leben lag. Carl wiederum, der den Auftrag verweigert, das elterliche Erbe zu übernehmen, flieht nach Berlin. Er lebt auf der Straße, bis er in den Kreis des »klugen Rudels« aufgenommen wird, einer Gruppe junger Frauen und Männer, die in der Kellerkneipe Assel einen eigenen gesellschaftlichen Mikrokosmos entstehen lassen, in dem sich wie unter einem Brennglas die Zeit des Umbruchs bündelt. In diesem Nachwende-Vakuum lässt Lutz Seiler literarisch einen anarchistischen wie zugleich auch utopischen Ort entstehen. Seiler wurde 1963 in Gera, Thüringen, geboren, lebt heute in Wilhelmshorst bei Berlin und in Stockholm. Seit 1997 leitet er das Literaturprogramm im Peter-Huchel-Haus, unternahm darüber hinaus Reisen nach Zentralasien und Osteuropa. Für seinen Roman „Kruso“ wurde er 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.
Saalticket: 10,-/8,-/5,- €
Livestreamticket: 5,- €

Eventdaten bereitgestellt von: Reservix

weitere Termine

Annette. Ein Heldinnenepos - Anne Weber und Ulrich Bröckling
Karambolagen
Lesung und Gespräch
Moderation: Martin Ebel

In der Reihe "Karambolagen" legen wir es auf Reibung an: Das Aufeinanderprallen von Meinungen, Sichtweisen, Weltverständnissen ist zwingender Bestandteil beweglicher Gesellschaften. Darauf aufbauend haben wir in sechs Folgen deutsch-französische Gäste eingeladen, die einen kurzen Text – zumeist aus ihrem jüngsten Buch – zum diskutierten Thema des Abends lesen und im Anschluss darüber ins kontroverse Gespräch kommen. Den Abschluss der Reihe bilden nun die mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnete Autorin und Übersetzerin Anne Weber und ihr Buch „Annette. Ein Heldinnenepos“ und der Heldenspezialist und Professor für Soziologie an der Universität Freiburg, Ulrich Bröckling. Anne Weber erzählt das bemerkenswerte Leben der Anne Beaumanoir und findet dafür auch sprachlich eine besondere Form, die des Epos. Geboren 1923 in der Bretagne, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, schon als Jugendliche Mitglied der kommunistischen Résistance, Retterin zweier jüdischer Jugendlicher, nach dem Krieg Neurophysiologin in Marseille, 1959 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wegen ihres Engagements auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitsbewegung, beeindruckt Anne Beaumanoir durch ihr gelebtes Leben. Ulrich Bröckling, der im Sonderforschungsbereich „Helden - Heroisierungen – Heroismen” an der Universität Freiburg das Heroische von der Antike bis zur Gegenwart untersuchte, fragt in seinem Buch „Postheroische Helden - Ein Zeitbild“ nach dem Platz des Heroischen in der Gegenwartsgesellschaft. Dazu zeichnet er die Reflexionsgeschichte des Heroismus in der Moderne nach und besichtigt das Figurenkabinett zeitgenössischer Heldinnen und Helden. Sein Fazit: Der Held lebt. Aber unsterblich ist er nicht!

Eine Veranstaltungskooperation von Literaturhaus Stuttgart und Institut français, gefördert von der Dr. Karl Eisele und Elisabeth Eisele Stiftung, in Zusammenarbeit mit arte.

Livestreamticket: 5,- €
Die Sehnsucht der Anderen & Im Bauch des Walfischs - Dorota Maslowska & Hamed Abboud
Festival der Sehnsucht. Recherche über ein starkes Gefühl / Nachholtermin

19.30 Uhr
Die Sehnsucht der Anderen
Dorota Masłowska
Moderation: Olaf Kühl

In ihrem aktuellen Roman „Andere Leute“ wirft die polnische Schriftstellerin Dorota Masłowska einen tiefen Blick in das Herz der Finsternis der postsozialistischen polnischen Gesellschaft, das von Zynismus und Perspektivlosigkeit geprägt ist. Demokratie, Konsum und Kapitalismus haben ihre Versprechungen nicht erfüllt: das Glück hat nicht Einzug gehalten, Hoffnung wird durch Hass ersetzt. Welche Sehnsüchte haben diejenigen, die vom Leben nicht viel zu erwarten haben, welche Träume träumen die Abgehängten? Und was erzählen die gescheiterten Hoffnungen der „Anderen Leute“ über uns selbst? Das Gespräch moderiert der Slawist, Übersetzer und Autor Olaf Kühl, der auch Masłowskas Werke ins Deutsche übertragen hat.

20.15 Uhr
Im Bauch des Walfischs in der Tiefe des Meeres
Hamed Abboud
Moderation: Larissa Bender

Als Aleppo, die syrische Stadt, in der Hamed Abboud studiert hat, zur Trümmerlandschaft wurde, entschloss sich Abboud Ende 2012 zu fliehen. Drei Jahre später endete seine Flucht über Ägypten, Dubai und die Türkei in Wien. Weitere zwei Jahre später legte er seinen ersten Band unter dem Titel „Der Tod backt einen Geburtstagskuchen“ vor, der es auf Anhieb auf die Shortlist des „Internationalen Literaturpreis/Haus der Kulturen der Welt“ schaffte. Sein zweites Buch ist unter dem Titel „In meinem Bart versteckte Geschichten“ im Verlag Korrespondenzen erschienen, übersetzt von Larissa Bender. Es versammelt Texte über Suchbewegungen zwischen Fremdheit und Ankunft in einem Leben in Europa. Die Sicherheit des Exils, das er in jenem Westen gefunden hat, beschreibt er als „so umfassend, wie die Dunkelheit im Bauch des Walfischs in der Tiefe des Meeres“. Der Schmerz der Sehnsucht schreibt sich dabei tief in seine Texte ein, die oft tragikomisch grundiert sind, durchzogen von einem Riss, durch den bei aller Verzweiflung dennoch immer wieder das Licht bricht.

In Zusammenarbeit mit der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg, gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.
Soma Morgenstern, ein fast Vergessener - Maria Hartmann
Lesung

In ihrer Lesung erkundet die Schauspielerin Maria Hartmann Leben und Werk des jüdischen Schriftstellers Soma Morgenstern. 1890 im ostgalizischen Budzanów geboren, lebte Morgenstern ab 1912 in Wien, wo er zahlreiche enge Freundschaften schloss, u.a. mit Joseph Roth und Alban Berg. 1938 musste er vor den Nationalsozialisten fliehen, zunächst nach Paris, wo er mit Joseph Roth bis zu dessen Tod im selben Hotel lebte. Nach der Internierung konnte er sich nach Marseille durchschlagen, von wo ihm die Flucht über die Pyrenäen gelang. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er bis zu seinem Tod 1976 in New York. Soma Morgensterns literarische Laufbahn begann als Journalist für verschiedene Tageszeitungen, u.a. als Wiener Kulturkorrespondent der Frankfurter Zeitung. In den 1930er Jahren begann Morgenstern neben der journalistischen Tätigkeit auch Romane zu schreiben. Im Mittelpunkt seines literarischen Werks steht die Beschäftigung mit dem Judentum und dem Leben in Ostgalizien sowie die Auseinandersetzung mit dem Exil. Trotz seiner kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache hielt Morgenstern zeitlebens an ihr fest. Seine Werke waren lange Zeit kaum bekannt und wurden erst in den 1990er Jahren durch eine umfassende Werkausgabe, erschienen im zu Klampen Verlag, wieder zugänglich.

In Zusammenarbeit mit der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie für Gesang – Dichtung – Liedkunst e.V.
Pistes - Penda Diouf
Szenische Lesung
Moderation: Annette Bühler-Dietrich
Deutsche Stimme: Irene Baumann

„Pistes“ ist ein Stück über den Mut der Autorin Penda Diouf, die mit 20 Jahren allein von Paris nach Namibia aufbricht, um dieses Land zu erkunden. Auf der Suche nach Erinnerungen und nach der eigenen Identität entdeckt sie die beeindruckende Weite der Namib-Wüste, beschreibt die Fülle des Lichts und das Rot der Sanddünen. Aber sie entdeckt auch, dass unter deutscher Kolonialherrschaft hier das Massaker an den Hereros und den Namas stattfand, das als erster Genozid des 20. Jahrhunderts gilt. Mit „Pistes“ legt Diouf ein zugleich sehr persönliches, poetisches und politisches Theaterstück vor, in dem diskriminierende Erfahrungen der Autorin als Heranwachsende in Frankreich mit der Gewaltgeschichte Namibias während der Kolonisierung Südwestafrikas verknüpft werden. Penda Diouf, geboren 1981, ist Theaterautorin und Schauspielerin. Ihre Stücke wurden auf zahlreichen Bühnen in Frankreich aufgeführt. Die szenische Lesung für Stuttgart entwickelt hat Annette Bühler-Dietrich, Professorin für Neuere Deutsche Literatur und Theaterwissenschaft an der Universität Stuttgart. Von 2014 bis 2018 lehrte sie an der Université Ouaga, Burkina Faso und forscht zum zeitgenössischen frankophonen Theater und zur deutschen Literatur. Irene Baumann, freie Sprecherin, liest aus der deutschen Übersetzung.

Eine Veranstaltungskooperation des Institut français Stuttgart in Kooperation mit dem Lindenmuseum Stuttgart und dem Literaturhaus Stuttgart, mit freundlicher Unterstützung der LBBW Stiftung.
On the road with howl | Unterwegs mit Geheul - Beat Generation
Ausstellungsgespräch
The beat goes on
Die Beat Generation: Streifzug durch einen literarischen Urknall
Livezuschaltung mit Lawrence Ferlinghetti, Allen Cassady und Franz Dobler (angefragt)

Die Initial-Zündung ereignete sich vor über 65 Jahren - am 7.Oktober 1955 mit einer alkohol-geschwängerten Lesung in einer umgebauten Garage in San Francisco: die Six Gallery Lesung. Das Echo erfolgte 1957: Ein Gericht erlaubte die Veröffentlichung des zuvor verbotenen Gedichts ´Howl´ von Allen Ginsberg, eine wütende Anklage der amerikanischen Mainstream-Gesellschaft. Das war der Durchbruch für die Literatur der Beats. Entstanden ist sie in den 1940er/50er Jahren hauptsächlich in New York durch eine Freundesgruppe um Jack Kerouac und Allen Ginsberg, die die zeitgenössische Literatur revolutionierten: mit Einführung des Straßenslangs in ihre Texte, mit spontanem Schreiben, mit einem Mix aus Texten und Musik, mit Lesungen in Clubs und Bars. Heute ist die moderne Literatur ohne den Einfluss der Beat-Poeten nicht mehr denkbar. Coronabedingt musste der ursprünglich für den Jubiläumsmonat Oktober geplante Termin verschoben werden; in der Zwischenzeit sind leider einige der eingeladenen Gäste verstorben: die Dichterin Diane di Prima, die wichtigste weibliche Stimme der Beats, der Lyriker und Dramatiker Michael McClure, ein Freund der Rockband „The Doors“, und der deutsche Schriftsteller Jürgen Ploog, ein enger Bekannter von William S. Burroughs. Deshalb sind nun angefragt: Lawrence Ferlinghetti, der Herausgeber von ´Howl´, der Autor und Musiker John Allen Cassady, Sohn des intimen Kerouac-Freundes Neal Cassady – und auf deutscher Seite Franz Dobler, Autor und Beat-Poeten-Fan.